Unerhörtes Erbe

Irmgard, ihr Bruder Karl Friedrich und Hildegard Diekmeyer, seine spätere Frau

 „Die Farbe der Würde“, oder „Die Unerhörte“ (Arbeitstitel)

Ich war schon im mittleren Alter, als mein Vater zum ersten Mal von der Schwester seiner Mutter sprach. Wer war Irmgard? Nach dem Tod meines Vaters fand ich ihre Briefe unter dem doppelten Boden eines Schrankes. Ich begann, im Familienarchiv und in der 2011 entdeckten Krankenakte zu recherchieren und konstruierte auf der Grundlage der Dokumente die Geschichte einer erstaunlichen Frau, die in der Zeit zwischen den Kriegen die Versprechungen der Moderne für ein selbstbestimmtes Leben als Frau einfordern wollte. 1925 wurde sie vor dem gesellschaftlichen Hintergrund der aufkommenden Rassenhygiene als angeblich „psychopathisch minderwertig“ stigmatisiert. Aus der Biografie wurde eine Doppelbiografie, denn Irmgards Lebensgeschichte stellte sich als eng verwoben mit derjenigen ihres Bruders, des evangelischen Pfarrers Karl-Friedrich Stellbrink, heraus. Für den völkisch nationalistischen Bruder begann ab 1939 eine Zeit der Wandlung.  Seine Schwester gehörte zu einer Handvoll Patienten, die einen Meldebogen der Organisation Tiergartenstraße 4(T-4) für die Gasmordanstalt Hadamar überlebten. In der zweiten Phase der Krankenmorde starb sie dennoch 1944 an den Folgen von Hunger und Vernachlässigung. Ihr Bruder war kurz zuvor nach einem Prozess vor dem Volksgerichtshof in Lübeck gemeinsam mit drei katholischen Geistlichen zum Tode verurteilt und hingerichtet worden.

Nun wird die lange verborgene Geschichte der Geschwister im Zusammenhang erzählt. Die Doppelbiografie wird voraussichtlich im Frühjahr 2020 erscheinen.

Barbara Stellbrink-Kesy, Berlin im Dezember 2019